Donnerstag, 19. April 2012

Das böse Wort

1. Ich habe nie bekommen, was ich brauchte.
2. Ich habe immer bekommen, was ich wollte.

Kein sicheres, gewaltfreies Zuhause. Eine permanente Bedrohungssituation. Körperliche und psychische Gewalt, die immer passieren konnte. Und ich... wehrlos. Die Folge: eine ständig übererregte Amygdala. Angst in mir auszulösen ist wirklich die allerleichteste Übung. Manchmal ist es so schlimm, dass ich Angst vor'm bloßen Dasein habe. Jetzt zum Beispiel. Die Angst, tief in mir drin, wie ein Geschwür, keine Chance, zu entkommen. Immer präsent, mich auffressend.

Keine Grenzen. Weil man mindestens unbewusst wusste, dass man alles so unfassbar falsch macht, war alles erlaubt. Keine "Bedürfnisse" mussten aufgeschoben werden. Das Bedürfnis, Alkohol zu trinken, zu rauchen, mit anderen feiern... mit 13. Why not. Der Mutter ins Auto kotzen. Wie witzig. Grenzen können auch Schutz geben. Der Erwachsene kennt die Konsequenzen einfach besser als das Kind.

Der freie Fall, zusammen mit meinem ängstlichen Wesen hat mir nicht gut getan. Die Sucht nur der verzweifelte Versuch, sich selbst "medikamentös" zu behandeln. Und es hat doch geklappt. Mein Fell wurde zumindest etwas dicker. Viele Trigger habe ich einfach gar nicht gespürt. Doch meine Gehirn-Chemie war irgendwann nicht mehr in diesem zweifelhaften, künstlichen Gleichgewicht zu halten. Geschuldet ist dies wohl genialen Reaktion des Gehirns, mit Toleranzentwicklung zu antworten. Was also, wenn die Helfer nicht mehr helfen? Dann kommt der Moment, an dem man sich eingestehen muss, was man schon lange vermutet hatte: man befindet sich "on the road to hell".

Was ist das für eine oberfiese Gemeinheit vom Leben, dass man für eine scheiss Kindheit mit einem scheiß Erwachsenenleben "honoriert" wird? Es gab durchaus auch ganz zauberhafte Momente, keine Frage. Es gab Phasen, in denen ich das Leben regelrecht liebte. Doch immer wieder gibt es den großen Knall und es fühlt sich an, als läge alles mühsam Aufgebaute in Trümmern. Immer wieder zurück auf Los.

In meiner Trauer bin ich nun etwas vom Thema abgeschwiffen. Das sollte eigentlich "2." sein. Ich wollte diese Trennung oft. Ich wollte sie aus Überzeugung, wenn mich nicht alles täuscht. Es fällt mir grad schwer, dieses Gefühl zu erinnern. Ich habe ihn weggebissen. Solange, bis auch er die Trennung wollte. Er sagt nein zu dieser Beziehung. Es klingt überzeugt und löst in mir ein enormes Dillema aus. Plötzlich will ich diese Beziehung. Wider aller Vernunft will ich diese Beziehung. Und mir droht eine Erfahrung, die ich nicht kenne. Es könnte sein, dass ich meinen Willen nicht durchsetzen kann. Das "2." nicht mehr zutrifft.

Natürlich klingt das kindisch. Aber diese Erkenntnis hilft mir leider gar nicht. Woher die gesunde Reaktion nehmen, wenn sie einfach nicht existent ist? Wenn die Angst im Weg steht?

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